Samstag, 2. November 2013

Licht und Leid

Zum Film Prisoners

Man darf sehr dankbar sein, wenn die Dinge gut laufen.


Thanksgiving day, auf Deutsch "Danksagungsfest", wird in den USA am letzten Donnerstag im November zur Erinnerung an die ersten Pilgerväter als allegemeines  Friedens - und Erntedankfest, seit 1621, gefeiert.

Die Dinge stehen gut, zwei befreundete Familien verspeisen aus Dankbarkeit ein selbst geschossenes Reh miteinander. Sie feiern zusammen, der etwas weichere Charakter des einen Vaters ergänzt die Entschlossenheit des anderen, die Tatkräftigkeit der einen Gattin die Fügsamkeit der anderen. Nach dem Essen aber, wenden sich die Dinge. Die jüngeren Töchter aus beiden Familien werden enführt und was vorher untereinander funktionierte, verdreht sich plötzlich in sein Gegenteil: Aus Zusammenhalt wird Isolation. Die Protagonisten dieses Dramas, sowohl Opfer wie Täter, bleiben auf sich alleine zurückgeworfen. Man fühlt sich an Susan Sonntag's Essay, Das Leiden der anderen betrachten, erinnert, in dem es aus ihrer Sicht nichts Unerträglicheres gibt, als das eigene Leid in seinem Gegenüber gespiegelt zu sehen.
Der Verlust der Kinder setzt bei den betroffenen Familien, sowie bei dem ermittelnden Polizisten Kräfte frei, die zu Widerständen gegen die eigene Umgebung führen und somit eine konstruktive Zusammenarbeit aller Beteiligten blockieren. Es scheint, als habe jeder von diesem Fall Betroffene ein Recht darauf - notfalls auch mit Gewalt - seinen eigenen Beweggründen zu folgen, die aus seiner persönlichen Geschichte resultieren, ohne auf die Beihilfe der anderen angewiesen zu sein. Die stumme und hilflose Zeugschaft dieses Dramas wird vom Zuschauer gefordert, der zusehen muss, wie sich die Figuren verzweifelt in einem Labyrinth aus Abgründen bewegen, ohne sich selbst, geschweige den anderen wirklich helfen zu können. Ähnlich aufgeschreckt fühlte man sich zuletzt, als Leserin der Kartause von Parma (Stendhal), während man Zeugin eines traurigen und ungerechten Schicksals wurde, in dem die Liebe trotz den trennenden Gefängnismauern erblühte, ausserhalb dieser jedoch nicht gelebt werden konnte.
Immer wieder möchte man den Figuren zurufen, sie sollten doch anders handeln. Dabei sind diese so differenziert dargestellt, dass man auf keinen billigen dramaturgischen Ausweg hoffen kann. Ihr Leid wird auch zum Leid des Zuschauers dieses Filmes- die meisten davon dürften diese Situation aus eigenem Erleben nicht kennen und deshalb auch betrachten können. Wenn auch mit Nachwirkungen zu rechnen ist. Viele Bilder bleiben nachhaltig in Erinnerung: Wenn in der Dunkelheit, vor den Häusern der beiden Mädchen, hunderte von Lichtern angehen, Stoffpuppen als Beileidsbezeugungen hingelegt werden und für einen Augenblick die Atmosphäre eines Weihnachtsmarktes entsteht; die Leidgeprüften nicht als Leidtragende, sondern als Gäste einer kundgetanen Solidarität durch ihre Wohngemeinde. Das Fest des Lichtes gegen das Dunkle - verwandelt in einen Akt des Leids. 

Ariela Sarbacher

Prisoners, Regie: Denis Villeneuve, zur Zeit in diversen Kinos



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